Unter Münster schlummert ein Schatz – kein Gold, kein Erdöl, sondern heißes Tiefenwasser. Dieses
könnte ein Baustein für die klimafreundliche Wärmeversorgung der Zukunft sein. Der Geologische
Dienst Nordrhein-Westfalen (GD NRW) plant 2027 eine mehr als 1.000 Meter tiefe
Forschungsbohrung in Münster. Ziel ist es, herauszufinden, ob sich in den bis zu 100 Millionen
Jahre alten Kalksteinschichten der Kreide-Zeit ein ausreichend nutzbares geothermisches Reservoir
verbirgt. Das Projekt ist Teil des „Masterplans Geothermie NRW“.
Wirtschafts- und Klimaschutzministerin Mona Neubaur: „Erneuerbare machen uns unabhängiger
von fossilen Energien, sorgen für Planbarkeit und sind dauerhaft bezahlbar. Gerade angesichts der
geopolitischen Lage zeigt sich, wie essenziell Energiesouveränität ist. Erdwärme ist dabei ein
zentraler Baustein für die Wärmeversorgung der Zukunft. Deshalb arbeiten wir konsequent daran,
Geothermie zu erschließen. So stellen wir sicher, dass die Menschen direkt von klimafreundlicher
und bezahlbarer Wärme aus dem Untergrund profitieren können – in Münster und darüber hinaus.“
„Münster ist für uns ein besonders geeigneter Standort, weil wir hier schon viele Daten haben“, sagt
Dr. Ulrich Pahlke, Direktor des GD NRW. Bereits 2021 führte der GD NRW im Münsterland 2D
seismische Messungen durch, im Winter 2024 legten die Stadtwerke Münster mit einer 3D-Seismik
nach. Die Daten zeigen Kalksteinschichten in rund 1.000 bis 1.300 Metern Tiefe. Ob sie warmes
Wasser enthalten und sich damit als geothermisches Reservoir eignen, beantwortet die
Forschungsbohrung. Mehr als 1.000 Meter wird sich der Bohrer dafür in den Untergrund
vorarbeiten. Wie weit genau, hängt davon ab, in welcher Tiefe der Kalkstein tatsächlich angetroffen
wird.
Wärme aus der Tiefe – unabhängig von Wetter und Weltmarkt
Das Prinzip ist einfach, die Wirkung groß: In natürlichen Klüften und Hohlräumen des Kalksteins kann
Wasser vorhanden sein, dessen Temperatur mit zunehmender Tiefe steigt. Wird dieses warme
Tiefenwasser an die Oberfläche gefördert, kann es über Wärmetauscher Fernwärmenetze, Industrie,
Gewerbe oder Gewächshäuser mit Wärme versorgen. Nach Temperaturentzug wird es über eine
zweite Bohrung in dieselbe Kalksteinschicht zurückgeführt. „Entscheidend ist, wie gut und in
welchen Mengen das Tiefenwasser im Gestein nachfließen kann“, erklärt Projektleiter Ingo Schäfer
vom GD NRW. „Die Daten zeigen uns Bruchzonen in den Kalksteinen. Solche Strukturen können
ideale Wasserwege sein. Derzeit prüfen wir daher verschiedene Standorte auf ihre Eignung.“
Hydrothermale Geothermie liefert rund um die Uhr Energie – wetterunabhängig, regional verfügbar
und ohne fossile Brennstoffe. Für die Wärmewende gilt sie als Schlüsseltechnologie.
Blick in die Erdgeschichte vor 90 – 100 Millionen Jahren
Die Zielschichten stammen aus der Kreide-Zeit, als das Münsterland von einem Meer bedeckt war.
Kalkschlämme aus mikroskopisch kleinen Meeresorganismen lagerten sich am Meeresboden ab. In
Jahrmillionen entstanden daraus mächtige Kalksteinformationen – der Plänerkalk. In ihm sind
stellenweise Schalen und Gehäuse abgestorbener Meeresbewohner wie Muscheln, Seeigel und
Ammoniten überliefert.
Landesweites Bohrprogramm für NRW
In Münster wird mit dem Plänerkalk das dritte potenzielle geothermische Reservoirgestein in
Nordrhein-Westfalen erkundet. In Krefeld wurde 2025 ein ergiebiges Reservoir im Kohlenkalk
nachgewiesen, in Köln-Dellbrück wird aktuell der Massenkalk untersucht.
Im Unterschied zu den bisherigen Projekten mit einer maximalen Bohrtiefe von 1.000 Metern soll in
Münster mehr als 1.000 Meter tief gebohrt werden, denn hier liegen die ersten geothermisch
interessanten Schichten deutlich tiefer. Neben der Gewinnung von Bohrkernen sind umfangreiche
Tests geplant, darunter ein Pumpversuch zur Untersuchung der hydraulischen Eigenschaften. Der
Standort gilt als Referenz für das gesamte Münsterland – mit Bedeutung weit über die Stadtgrenzen
hinaus.
Die Forschungsbohrung ist Teil des Explorations- und Bohrprogramms „Geowärme – Wir erkunden
NRW.“, beauftragt durch das Ministerium für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie des
Landes Nordrhein-Westfalen als Teil des „Masterplans Geothermie NRW“. Dessen Ziel: Bis 2045
sollen rund 20 Prozent des Wärmebedarfs in NRW durch Erdwärme gedeckt werden. Die
gewonnenen Erkenntnisse werden öffentlich zugänglich gemacht und dienen Kommunen,
Stadtwerken und Unternehmen als Entscheidungsgrundlage.